Montag, 28. November 2011

Gedankenspiel

Der Raum war dunkel und muffig. Irgendwo tropfte stetig Wasser auf kalte und brüchige Fliessen. Das leise Summen von Ventilatoren erfüllte die Luft. Er saß auf einem Stuhl - zusammengesunken und gefesselt. Er fühlte sich matt und erschöpft. Er hatte auch keine Ahnung, wie er hierherkam und warum er hier war. Vor allem WO er war.
Es knackte elektronisch. Wie ein Lautsprecher, der seine besten Tage schon hinter sich hatte.
"Wissen Sie, warum Sie hier sind?" kam die Frage aus dem Dunkel jenseits des Lichtkreises. Die Simme klang tief, rauh, befehlsgewohnt und verzerrt. Sie duldete keine Gegenfragen.
"Nein" kam zaghaft die Antwort von dem Stuhl.
"Sie sind unserer größter Feind und wir möchten wissen warum."
"Ich?" ein leichte Regung. Die gekrümmte Gestalt richtet sich auf, blickt sich zaghaft um.
"Was habe ICH getan, dass Sie mich hier einsperren?"
"Nichts" antwortet das Dunkel.
"Aber warum bin ich hier?"
"Weil Sie etwas haben, das wir nicht haben!" wieder schnarrt es elektronisch von jeneits des Lichtkreises.
"Ich habe etwas?" krächzend mit einem Anflug von Lachen. "Was könnte ich schon haben. Ich habe nichts. Ich bin ein Niemand. Ich kenne niemand und ich bin niemand. Was sollte ich haben, was Sie interressiert?"
"Sie haben Macht!" Konnte es sein, dass Neid in der Stimme mitschwang. Neid auf ihn, der er hier ängstlich und bewegungslos auf einem alten Stuhl gefesselt war..
"Macht? Ich? Klar, deswegen bin ICH gefesselt und Sie nicht!?" er lachte rauh und mußte davon sofort husten!
"Wissen Sie, wie heute Kriege gewonnen werden?"
Die Worte hallten in dem Raum nach wie Kanonenschläge.
Lange Stille.
...
"Mit Waffen?"
"Nein!" kam beinahe ungeduldig die Stimme. "Sie wissen wie! Sie benutzen es jeden Tag. Sie haben es perfektioniert. Sie spielen damit, benutzen es wie andere Leute ihre Unterhose, geilen sich daran auf, schänden es, ziehen es durch den Dreck und veranstalten Parties damit, wo Sie dann rumhuren und Ihre Freiheit feiern!" die letzten Worte waren annährend Zischlaute wie bei einer Schlange.
"Meinen Sie Geld? Aber ich habe kein...."
"Kein Geld, Sie Idiot, sie kleines Arschloch. Geld regiert die Welt, meinen Sie? Ja, das ist schon mal etwas intelligenter gedacht. Viele Menschen verwechseln heute Macht mit Geld und bilden sich ein, je mehr Geld sie haben und anhäufen, umso mächtiger sind sie. Jeder Trottel kann heute reich werden, und genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwinden.
Wissen Sie, wovor die Mächtigen dieser Welt Angst haben? Nicht vor den Atomraketen aus dem ehemaligen Ostblock, auch nicht vor einem Afghanistan oder Pakistan. Nicht mal den Islamisten. Nein, sie haben Angst vor Ihnen, weil sie sich nicht mehr kontrollieren lassen. Das Internet hat Raketen überflüssig gemacht, die Börse hat einen Einmarsch in Länder ad absurdum geführt. Wenn die Chinesen uns übernehmen wollen, dann schicken sie keine Raketen, sie streichen uns die Kredite.
"Ich verstehe nicht ganz. In meinen Augen klingt das, als wenn die Reichen doch die Macht haben, wenn die Chinesen uns..." kam die unsichere Antwort von der eingesunkenen Gestalt.
"Man, denken Sie global, verdammt. In Frankfurt werden Demonstrationen im Bankenviertel mit Wasserwerfern aufgelöst, obwohl es zu keiner Gewalt von Seiten der Demonstranten kam. In New York wird die Occupy Wall Street von der Polizei aufgelöst, in Spanien wird es verboten seine Zelte auf den Plätzen vor den Banken aufzubauen! Warum wohl? Weil das Geld Angst hat - Angst vor euch!"
"Angst? Weil wir die Macht haben?"
"Aha, so langsam begreift der kleine Scheisser. Was war denn mit Gaddafi? Der Pisser war einer der reichsten Männer der Welt. Was hat es ihm gebracht?
Ganze Regime sind gefallen durch Twitter und Co. Regime, von denen wir dachten, wir könnten sie kontrollieren. Mit einem Mal müssen wir erkennen, dass wir es nicht können. Die Welt ändert sich so schnell, dass nur die Börse reagieren kann, aber keine Regierung mehr. Alle Politiker laufen lediglich hinterher und versuchen den Gang zu bremsen, indem sie dementieren und doch steht es am nächsten Tag in Foren und Blogs dieser Welt. Informationen werden nicht mehr gekauft oder gehandelt, sondern konsumiert und verbraucht.
Und jetzt muß auch das Geld erkennen, dass es nicht alles kontrollieren kann. Es kann nur versuchen, seine Macht zu behalten. Aber wie lange? Und was viel schlimmer ist, es weiß nicht, warum das alles passiert."
"Weil es nicht weiß, warum es passiert?" die Gestalt murmelte diese Worte immer und immer wieder vor sich hin. Sie war sich bewußt, dass die elektronische Stimme aus dem Dunkel sie gebannt anschaute.
"Weil wir die Macht haben" die Stimme des Gefesselten wurde lauter und sicherer, "weil man einen Einzelnen fesseln kann, aber nicht alle gleichzeitig. Weil ihr endlich lernen müßt, dass WIR euer Geld sind, eure Macht und eure Zukunft. Nicht ihr gestaltet uns, sondern wir machen euch. Ohne uns seid ihr nichts, ohne uns seid ihr verloren!" Mit diesen letzten Worten erhebt sich die Gestalt vom Stuhl, wirft ihre Fesseln ab und löst sich auf.
"Aber, was, was passiert denn jetzt?" fragt zitternd die elektronische Stimme.

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