ich bin ein durchaus gläubiger Mensch. Für mich selber weiß ich, dass Gott existiert. Vielleicht anders als von den diversen Kirchen und Religionen dargestellt, aber dennoch vornehmlich christlich. Und auch wenn ich schon einige Sommer habe kommen und gehen sehen, beschäftigt mich heute eine Frage noch immer sehr: Was genau ist der Sinn hinter dem Zölibat?
Ich bin mir duchaus bewußt, dass zu allen erdenklichen Zeiten und allen Religionen eine gewisse Askese dazu beitrug und beiträgt, den Geist auf eine bestimmte Aufgabe zu fokussieren oder sich von gewissem Balast zu befreien. Aber ist es nicht auch so, dass Gott sagte "Gehet hin und mehret euch!" und hat Gott als allmächtiges Wesen nicht den Menschen geschaffen, um Nachkommen in die Welt zu setzen? Ist es also nicht eigentlich der Schöpfung zuwider, wenn Menschen sich dem verweigern?
Als Argument wird oft ja angeführt, dass man sich ganz in den Dienst Gottes stellen möchte. Dass neben der Liebe zu Gott kein Platz ist, oder dass man außer der Liebe zu Gott keine weitere (körperliche) Liebe benötigt. Aber ist der Dienst an Gott nicht die Weitergabe seiner Liebe an seine Mitmenschen (nicht körperlich) und ist es nicht gegen den Plan Gottes, nur ihn zu lieben und nicht die eigene Umwelt mit ihren Geschöpfen? Ist es nicht gegen den Willen Gottes, nur ihn lieben zu können und zu wollen?
In einer Welt, in der Kinder schon Kinder bekommen. Eine Welt in der AIDS jährlich tausende von Todesopfern fordert und sich doppelt so viele neu anstecken. Eine Welt, in der Kinder oft zur Ware werden. Eine Welt, in der ihre Vorbilder Vorabendserien und POP-Sternchen sind. Die so verwirrend und groß ist, dass man nicht weiß wohin mit sich. Wäre es in so einer Welt, die sich so sehr von der unterscheidet wie sie vor 100 Jahren war, so sehr davon unterscheidet wie sie noch zu meiner Jugend war und sich so sehr davon unterscheidet wie sie in 20 Jahren sein wird, nicht besser als Kirche Verantwortung zu zeigen, Vorbildfunktion zu übernehmen?
„Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und
immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren;
deshalb sind sie zum Zölibat verpflichtet, der eine besondere Gabe
Gottes ist, durch welche die geistlichen Amtsträger leichter mit
ungeteiltem Herzen Christus anhangen und sich freier dem Dienst an Gott
und den Menschen widmen können.“
– Codex Iuris CanoniciKann sich ein Mensch frei von dem machen, was Gott uns als Geschenk gegeben hat? Kann er seine Natur unterdrücken um freier zu sein? Ist die besondere Liebe zu einem Menschen, mit dem man sein Leben teilt, nicht viel eher der Dienst an Gott? Die Liebe ist universell. Die Liebe zu Gott ist dadurch nicht minder, dass ich eine anderen Menschen liebe, denn sonst wäre die Liebe einer Ehefrau zu ihrem Mann auch dadurch geschmälert, dass sie ihre Kinder liebt. Vielmehr vertieft sie dieses Gefühl der Liebe mit einer unendlichen Dankbarkeit.
So frage ich denn aufrichtig: Warum das Zölibat?
Vielen Dank
Mein Name ist Legion