Ehrfurchtsvoll betrete ich sie, die (h)eiligen Hallen - die
Furcht meiner Kindheit. Über ausgetretene Stufen, abgetragen von unzähligen
Schuhen jeglicher Machart, abgeschmirgelt durch den Wintersplitt.
Zusammengehalten nur durch Kippen, Rotz und Kaugummi.
Was als Kind nur unter schwersten Strapazen zu
bewerkstelligen war, geht heute flinken Fußes von der Hand. Das ratternde,
schnaufende, wühlende Etwas damals zu erwischen, bevor es einen mit in die
Tiefe zog, durch die Stufen hindurch in dreckige und geheimnisumwitterte
Gefilde, ist heute nur eine weitere Disziplin im hypermodernen Zehnkampf.
So werden wir durch die flackernde Nüchternheit getragen.
Hinunter in einen Duft der männlicher nicht sein könnte. Dieser Duft nach
Beton, Elektrizität, Schweiß und Pisse. Nach Döner, Davidoff und vergessenen
Tragödien. Dieser Duft nach Lachen, Weinen, Freud und Leid und nach Stumpfsinn.
Allen Umständen zum Trotz halten die Jahreszeiten so tief im
Schoß der Erde Einzug. Lassen sich Spuren lesen wie dereinst von Lederstrumpf
in den dunklen Wäldern Neu-Englands.
Die glatten Fließen, vollgesogen mit Schicksalen, spiegeln
die Klarheit und Ästhetik dieses Tempels des Hermes wider. Der Lufthauch, der
Atem, der immer durch die Gänge streicht, einen zur Eile ermahnt, einen daran
erinnert, dass man, wie immer, fast zu spät ist.
Dann schließen sich die Türen. Laut und unbarmherzig. Wie
ein titanisches Henkersbeil krachen sie zusammen. Quetschen jede Hand, jeden
Fuß desjenigen, der sich nicht an das oberste Gebot der Eile gehalten hat.
Belassen jeden draußen, schließen ihn von der Gemeinschaft derer aus, die es gerade
noch rechtzeitig geschafft haben.
Ruckelnd setzt sich der Lindwurm in Bewegung. Schneller und
schneller rast er durch die Dunkelheit, durch das Reich des Hades. Seine
Gedärme gefüllt mit schuldigen und unschuldigen Seelen. Trotz der Unterschiede
eint sie etwas – ein Ziel!
Riesigen Atemstößen gleich entleert und füllt sich der Wurm
bei jedem Halt. Wiederholen sich die Tragödien des vorangegangenen. Wumm, die
Türen sind zu. Kreisch, schlängelnd und schlingernd setzen wir uns in Bewegung.
Ächz, der Gestank nimmt zu. Wie weit ist es noch? Wann erreiche ich mein Ziel,
meine Bestimmung? Wie lang noch der Folter, der Qual, ausgesetzt sein, bis
Hekate ein Einsehen hat? Mich entlässt in die Oberwelt!
Göttergleich dröhnt die erlösende Stimme aus dem Nichts.
Befreit mich von der Fessel, mich umgebender tumber Verdrossenheit. Wirft meine
Fesseln ab, mit Worten, die wie klares Wasser mein innerstes Ich erfrischen und
das Kind in mir befreien. Die Worte, die mich zurück in die Wirklichkeit holen:
Nächster Halt, Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung
links!