Freitag, 10. Mai 2013

Underground



Ehrfurchtsvoll betrete ich sie, die (h)eiligen Hallen - die Furcht meiner Kindheit. Über ausgetretene Stufen, abgetragen von unzähligen Schuhen jeglicher Machart, abgeschmirgelt durch den Wintersplitt. Zusammengehalten nur durch Kippen, Rotz und Kaugummi.

Was als Kind nur unter schwersten Strapazen zu bewerkstelligen war, geht heute flinken Fußes von der Hand. Das ratternde, schnaufende, wühlende Etwas damals zu erwischen, bevor es einen mit in die Tiefe zog, durch die Stufen hindurch in dreckige und geheimnisumwitterte Gefilde, ist heute nur eine weitere Disziplin im hypermodernen Zehnkampf.

So werden wir durch die flackernde Nüchternheit getragen. Hinunter in einen Duft der männlicher nicht sein könnte. Dieser Duft nach Beton, Elektrizität, Schweiß und Pisse. Nach Döner, Davidoff und vergessenen Tragödien. Dieser Duft nach Lachen, Weinen, Freud und Leid und nach Stumpfsinn.
Allen Umständen zum Trotz halten die Jahreszeiten so tief im Schoß der Erde Einzug. Lassen sich Spuren lesen wie dereinst von Lederstrumpf in den dunklen Wäldern Neu-Englands.

Die glatten Fließen, vollgesogen mit Schicksalen, spiegeln die Klarheit und Ästhetik dieses Tempels des Hermes wider. Der Lufthauch, der Atem, der immer durch die Gänge streicht, einen zur Eile ermahnt, einen daran erinnert, dass man, wie immer, fast zu spät ist.

Dann schließen sich die Türen. Laut und unbarmherzig. Wie ein titanisches Henkersbeil krachen sie zusammen. Quetschen jede Hand, jeden Fuß desjenigen, der sich nicht an das oberste Gebot der Eile gehalten hat. Belassen jeden draußen, schließen ihn von der Gemeinschaft derer aus, die es gerade noch rechtzeitig geschafft haben.

Ruckelnd setzt sich der Lindwurm in Bewegung. Schneller und schneller rast er durch die Dunkelheit, durch das Reich des Hades. Seine Gedärme gefüllt mit schuldigen und unschuldigen Seelen. Trotz der Unterschiede eint sie etwas – ein Ziel!

Riesigen Atemstößen gleich entleert und füllt sich der Wurm bei jedem Halt. Wiederholen sich die Tragödien des vorangegangenen. Wumm, die Türen sind zu. Kreisch, schlängelnd und schlingernd setzen wir uns in Bewegung. Ächz, der Gestank nimmt zu. Wie weit ist es noch? Wann erreiche ich mein Ziel, meine Bestimmung? Wie lang noch der Folter, der Qual, ausgesetzt sein, bis Hekate ein Einsehen hat? Mich entlässt in die Oberwelt!

Göttergleich dröhnt die erlösende Stimme aus dem Nichts. Befreit mich von der Fessel, mich umgebender tumber Verdrossenheit. Wirft meine Fesseln ab, mit Worten, die wie klares Wasser mein innerstes Ich erfrischen und das Kind in mir befreien. Die Worte, die mich zurück in die Wirklichkeit holen:

Nächster Halt, Hauptbahnhof. Ausstieg in Fahrtrichtung links!

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