Montag, 12. September 2011

Edward Stanton - Fortsetzung

Man möge mir meine Pause verzeihen, aber die Erinnerung an diese schicksalsträchtige verruchte Nacht hat meine Nerven arg zerrüttet. Dank meines treuen Chronisten, der mir ein Nerventonikum brachte, kann ich aber nun mit meiner Erzählung fortfahren, auf das die Nachwelt über meine Verbrechen richtet. Man möge mir ebenfalls meine Reaktion verziehen, die ich zeigte als ich wieder zu mir kam und die Überreste meines einstigen Partners im Rinnstein verschwinden sah. Als ich sah das mir meine überreizten Nerven keinen Streich gespielt hatten. Als ich erkannte, dass diese schrecklichen Geschehnisse keine Einbildung meiner Fantasie gewesen waren und ich nicht mit einem Fieber in meinem Bett liegen würde. Als ich etwas tat was ein normaler Mensch nicht getan hätte, der dieser blasphemischen Szene angesichtig worden wäre. Denn ich lachte. Ich lachte aus vollem Hals. Es war ein Lachen ohne Humor oder Spaß. Es war ein Lachen das meine Nerven in meinem Körper erbeben ließ. Ich lachte so lange uns so laut, bis meine Kehle wund war und schmerzte als hätte jemand dort das Höllenfeuer entfacht. Ich rafte mich auf und schwankte nach Hause. Ich weiß weder von dem Weg, noch von meiner Ankunft etwas, auch nicht wie ich in mein Bett gekommen bin. Erst am nächsten Morgen konnte ich wieder einen einigermaßen klaren Gedanken fassen. Sie müssen wissen, das ich noch Junggeselle war und auch nur eine Haushälterin hatte die jeden Tag zur Mittagsstunde kam, so dass mein Zustand keinem in meinem Hause auffallen konnte. Sie müssen verstehen, das mich nicht der Fluch den mein alter Freund gegen mich ausgesprochen hatte so verwirrte, sondern vielmehr sein Anblick nach all der Zeit und sein entsetzliches Dahinscheiden. Denn ich war der festen Überzeugung, dass er sich im Orient nur eine der seltsamen Krankheiten zugezogen haben konnte und aus diesem Grund so schrecklich Zugrunde ging. Allein seine Willenskraft schien ihn noch bis nach Sydney geführt zu haben, wo er dann vor meinen Augen zusammenbrach und seinen Lebensfunken aushauchte. So ging ich denn, wie jeden morgen, wenn auch zittrig in mein Büro und versuchte die grausamen Bilder aus meinem Gedächtnis zu verbannen indem ich mich in Arbeit stützte. Ich möchte hier kurz die Zeit etwas abkürzen, denn es vergingen Tage um Tage an denen meine Firma weiterhin florierte und wir jeden Tag neue Gewinne zu verzeichnen hatten. Ich hatte mittlerweile die Geschehnisse der schicksalsträchtigen Nacht als einen Zusammenbruch meiner Nerven durch zuviel Arbeit abgetan. Es war im Mai des Jahres 1918 als ich zum ersten mal davon las. Damals aber war es für mich einfach nur eine Meldung unter vielen. Auch war sie nicht weiter beunruhigend. Aber schon damals hätten mir die Zeitungsmeldungen eine Warnung sein müssen. Ein erstes Anzeichen der furchtbaren Tragödie dessen Verursacher ich war. Doch wie bei allen Menschen und Medien, verebte die anfängliche Neugier dessen was in der Welt passierte, wenn es einen nicht persönlich betrifft und es erschienen wieder die üblichen Kriegsmeldungen. Wir verzeichneten kolossale Gewinne und freuten uns darüber wir kleine Kinder. Erst Ende August desselben Jahres brachten die Zeitungen wieder etwas über die unerklärlichen Vorfälle. Und jeden Tag häuften sich die Meldungen und überschlugen sich mit Zahlen der Toten die dort erschienen, die nichts mit dem Krieg der in der Welt tobte zu tun hatte. Noch hegte ich keine wirklichen Argwohn, aber mir kam mein Fiebertraum den ich im Winter gehabt hatte wieder in den Kopf. Ich wischte ihn beiseite und kümmerte mich wieder darum ein neues Geschäft an Land zu ziehen das äußerst lukrativ schien. Wirklich aufmerksam wurde ich erst, als ich gutgelaunt ob des getätigten Geschäfts, in meine Firma kam und jeder Mitarbeiter entsetzt die Nase in die Zeitungen steckte. 8600 Tote auf Neusseland, lautete die Schlagzeile. Mehr aus Jux und Dollerei denn aus wirklichem Interesse verglich ich die Zahlen der Toten mit denen unserer Einnahmen – und erschrak. Sie stimmten mit denen der Einnahmen aus dem letzten Geschäft. Konnte es Zufall sein? Ich lies mir Bilanzen und Zeitungen kommen. Sofern es Meldungen gab, stimmten sie alle mit unseren jeweiligen Einnahmen überein. Es konnte nicht sein. Das war völlig ausgeschlossen. Doch so sehr ich auch prüfte und nachrechnete, immer stimmten die Zahlen überein. Plötzlich dämmerte in mir dieser schreckliche Verdacht und wurde zunehmends zur Gewissheit. Mein Ehemaliger Partner hatte mich tatsächlich verflucht. Die nächsten Tage kenne ich leider nur vom Höresagen. Ich schien schreiend aus dem Büro geflüchtete zu sein. Erst Stunden später fand man mich zusammengesunken und vor mich hinstammelnd in einer Gasse – in der Gasse in der ich Reynolds damals begegnet war. Die Ärzte die mich dann in Behandlung nahmen erzählten ich hätte zwischen meinen Schreien und meinem Weinen und wimmern immer wieder einen Satz wiederholt: Ich habe es getan, ich bin Schuld, ich habe die Spanische Grippe ausgelöst. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, verschenkte ich meinen gesamten Besitz und meine Firma. Und mit jedem Geldstück das ich verlor, wurde ich älter, kranker und schwächer. Aber ich mußte diese Geschichte noch jemandem diktieren ehe mich der Teufel zu sich holt und meine Seele auf Ewig foltern wird. Schlimmer als der Gedanke an 50 Millionen Toten kann es nicht sein. Ich danke Ihnen für ds Lesen dieser Zeilen die mein treuer Schreiber niederschrieb und hoffe darauf das Sie mir mit Ihrer Vergebung meiner Taten meine Seele etwas läutern werden. Gez. Edward Stanton, 25. März 1919, Sidney, Australien

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