Dienstag, 2. August 2011

Der furchtsame Ritter

Es war einmal ein Ritter, der keinem Herren diente. Lange war er von Kriegsherr zu Kriegsherr gezogen, um sich sein Brot zu verdienen. Eines Tages aber verliebte er sich am Hofe eines Herzogs in die schöne Isolde. Und auch Isolde war dem Werben des Ritters nicht abgeneigt. Da aber der Ritter weder genug Geld, noch Titel, noch Haus und Hof hatte, war es völlig ausgeschlossen, dass er beim Herzog um die Hand anhalten konnte. Um dieses Dilemma beizulegen, beschloss der Ritter in die Welt hinaus zu gehen und eine große und heldenhafte Tat zu vollbringen, um so zu einem Titel und zu Grund und Boden zu kommen. So verabschiedete er sich von seiner Holden und schwor, nicht eher zurückzukommen als bis er es zu einem Titel und zu genug Besitz gebracht haben würde, dies möge aber doch wohl recht bald geschehen, da der Ritter ein erfahrener und geschickter Kämpe war.
So zog nun denn der Ritter in die Welt hinaus auf der Suche nach einem Abenteuer. Er ritt von Ort zu Ort, von Burg zu Burg und von Schloss zu Schloss, aber nirgends ergab sich etwas, das dem Ritter geholfen hätte, seine Isolde ehelichen zu können. Es waren friedfertige Zeiten und kein Ungeheuer oder gar eine Räuberbande bedrohten irgend einen Flecken durch den er kam. Unter normalen Umständen hätte es den Ritter natürlich gefreut im ganzen Land den Frieden vorzufinden, denn er war kein streitsüchtiger Bursche und kämpfte nur um Geld oder Ehre. Doch gerade jetzt benötigte er eigentlich eine Heldentat, die ihm im ganzen Land berühmt machen sollte.
So viel er aber auch reiste und fragte, nirgends brauchte man sein Schwert oder seine Hilfe. So ritt er denn weiter von Ort zu Ort, von Burg zu Burg und von Schloss zu Schloss denn aufgeben wollte er nicht. Mit dem Bild Isoldes im Herzen wollte er es weiter versuchen und es musste ihm, so Gott wollte, auch gelingen. Die Tage kamen und gingen ins Land und dem Ritter sank der Mut. Tagsüber konnte er sich von dem Gedanken an die Zukunft freimachen, denn die Sonne schien, die Vögel pfiffen und Gottgefällige Menschen grüßten ihn. Aber abends am Lagerfeuer oder wenn er einsam am Tisch eines Gasthauses saß und gedankenverloren in einen Krug Bier schaute, dann kam die Angst. Eine Angst, die der Ritter bis dahin nicht kannte. Eine namenlose Angst. Nicht die Angst vor einem Feind oder vor einem Unwesen. Es war eine Angst, die ganz tief aus seinem Herzen kroch. Langsam nur, aber stetig. Und sie wurde so stark, dass er das Verlangen bekam vor ihr davon zu laufen. Aber wohin sollte erlaufen? Die Angst war ja in ihm. Die Angst vor der Zukunft, davor Isolde nicht heiraten zu können, da ihm sein Erfolg verwehrt bleiben würde. Davor als alter Greis einsam in einer Hütte zu enden, nur von Bauernjungen besucht, die einige seiner Abenteuer hören wollten und ihm dafür etwas zu essen brachten. Die Angst, dass er es im Leben zu nichts gebracht hatte, außer einem Pferd, seiner Rüstung und einem Schwert. Diesem Gedanken konnte er nicht davon laufen, und das machte ihm noch mehr Angst.
Aus dem einst so frohen und gutgelaunten Ritter wurde ein mürrischer, gedankenverlorener und verzweifelter Mensch, der in sich gekehrt auf dem Rücken seines Pferdes saß und die Ortschaften nur noch anritt, um sich abends ein Feuer und ein Bier zu gönnen. Bei kleinen Geräuschen schon fuhr er zusammen und erschreckte sich bei dem bloßen Anblick von Menschen, die ihn grüßten. Und je mehr er grübelte wie er aus dieser Misere herauskommen konnte um so mehr gewann die Angst in ihm die Überhand.
Eines Abends, als er wieder voll düsterer Gedanken an seinem Lagerfeuer saß, fasste er einen Entschluss. Er musste an den Hof des Herzogs zurück kehren und seiner Isolde die Nachricht überbringen das er versagt hatte. Und auch wenn er damit seinen Schwur bräche, so wollte er doch nicht länger dem Glück Isoldes im Wege stehen, auf dass sie einen anderen, vermögenderen Mann heiraten solle. Er wollte sich am Hofe des Herzogs als Ritter verdingen, so dass er Isolde zumindest nah war. Das war besser als ständig mit dieser Angst zu leben, sie nie wieder zu sehen.
Am nächsten Morgen brach er schon früh in Richtung der Burg des Herzog auf. Meile um Meile wurde ihm das Herz schwerer, bewusst, welche Aufgabe ihn erwartete, aber auch eingedenk der Tatsache, dass er Isolde alles sagen musste.
Kaum war er angekommen, so bat er um eine Audienz beim Herzog und erbat auch die Anwesenheit von Isolde. Schweren Herzens berichtete er dem Herzog von seiner Liebe zu Isolde, seinem Schwur, seiner Angst, letztlich dem Scheitern seiner Aufgabe, eine wahrhaft mutige und heldenhafte Tat zu begehen, um Isoldes Hand gewinnen zu können. Niedergeschlagen, aber ein wenig leichter ums Herz, endete er seinen Bericht und Isolde brach verzweifelt in Tränen aus. Schluchzend bat sie ihren Vater dem Ritter zu vergeben, doch der saß nur auf seinem Thron und betrachtete den Ritter lange und eingehend. Schließlich gebot er seiner Tochter zu schweigen und erhob seine Stimme. „Lieber Herr Ritter, mir scheint, ihr habt euch eine große Aufgabe auferlegt und ich bin mitnichten ein weiser Mann. Aber ich habe ein paar Lenze Vorsprung auf euch und kann euch sagen, dass es viel Mut bedurfte, um mir ins Angesicht zu sagen, was ihr mir gesagt habt. Und es bedurfte auch viel Mut, sich seinen Ängsten zu stellen, die euch unterwegs heimsuchten. Das Abenteuer und die Heldentat fand nicht auf einem Schlachtfeld statt, sondern in eurem Herzen und die Kämpfe habt ihr nicht mit einem Ungeheuer, sondern mit euch selbst gefochten. Viel habt ihr von der Welt gesehen und Entbehrungen ertragen. Und Ihr habt Ängste kennen gelernt, denen man nicht ausweichen kann. Jetzt müsst Ihr noch lernen, wie ihr mit diesen Ängsten umgehen müsst. Da ich keinen männlichen Nachkommen habe, mich euer Edelmut und Ehrlichkeit beeindruckt hat und ich obendrein gerne einen welterfahrenen Mann auf meinem Thron sitzen sehen möchte, gewähre ich Euch die Hand meiner Tochter.“
Man muss nicht wirklich erwähnen, wie glücklich unser Ritter und Isolde waren, als sie die Worte des Herzogs vernahmen, aber es sei hier doch erzählt.
Alsbald wurde also Hochzeit gefeiert und nicht sehr lange danach gebar die Tochter dem Herzog zwei prächtige Stammhalter und eine süße Enkelin.
Es sei noch kurz berichtet, dass es nicht die letzte Angst war, die unseren guten Ritter heimsuchte, aber davon ein ander mal.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen