Donnerstag, 28. Juli 2011

Der unbekannte Soldat

Seit drei Tagen und Nächten hatte er nicht mehr geschlafen. Waren es wirklich nur drei Tage? Es kam ihm wesentlich länger vor. Hatte er überhaupt jemals geschlafen? Nein, es mussten drei Tage sein. Seit drei Tagen und Nächten lag er auch in diesem verdammten Loch. Verborgen vor seinen Feinden. Ohne sich zu groß zu bewegen. Seitdem ihn seine Kompanie zurückgelassen hatte – vor wieviel Tagen?
Seit einer gottverdammten Ewigkeit lag er in diesem gottverlassenen Loch in einem gottverschissenen Land! Und warum? Er dachte nach. Es mußte einen Grund geben. Jetzt iel es ihm wieder ein. Weil er die Freiheit verteidigen sollte. Die Freiheit? Ha, ja davon hatte er im Moment genug. Jede kleine Bewegung konnte sein Ende bedeuten, konnte er vom Feind entdeckt werden, von ihm getötet weredn. Aber das würde bestimmt nicht schnell passieren. Er wusste, was mit einem passieren konnte. Seine Vorgesetzten hatten ihm und seinen Kameraden Bilder von Kriegsgefangenen und politischen Häftlingen gezeigt, die der Feind gefangen genommen hatte.
Das sollte ihre Kampfmoral stärken, den Willen zum Sieg. Er hätte beim Anblick der Bilder beinahe gekotzt und hätte sich am liebsten krank gemeldet. Freiheit! Wenn Freiheit sich so anfühlte, dann wollte er davon keine mehr haben.
Er wollte nur Schlaf. Ruhigen und tiefen Schlaf. Seitdem sie in dieses Land gekommen waren, er und seine Kameraden, hatten sie höchstens 2-3 Stunden am Stück geschlafen. Immer wieder waren sie hochgeschreckt oder mussten plötzlich raus, weil sie angegriffen wurden. Wenn Alarm gegeben wurde, waren sie alle auf ihren Posten und warteten. Sie warteten und warteten. Der ganze Scheiß Krieg bestand nur aus Warten. Aus Warten und aus Tod. Und der kam meist so plötzlich, dass man es gar nicht mitbekam. Eben noch lag man hinter Sandsäcken verborgen und hielt nach dem Feind Ausschau, dann wurde es plötzlich still um einen, Sand war in der Luft, die sich augenblicklich heiß und stickig anfühlte. Eine unbändige Kraft zerrte an einem und riss einen von den Füßen, verbog Glieder und zerriss Körper. Dann, wenn der Granatenbeschuss vorbei war, wenn die Stille nachließ und zu einem ohrenbetäubenden Kreischen und Schreien wurde, wenn die schrillen, ekelerregenden Rufe der Verwundeten durch das Chaos hallten, sah man, dass der Kamerad neben einem verschwunden war. Einfach verpufft. Als wenn Gott ihn wieder in seine Moleküle zerlegt hätte, um ihn vielleicht an einem anderen, sicheren Ort wieder zusammenzusetzen. Manchmal blieb noch ein Schuh oder eine Hand übrig. Dann wollte er wieder kotzen, aber das Adrenalin wollte ihn nicht lassen.
Wer nach so einem Tag noch schlafen konnte oder wollte, hatte sich etwas besorgt, dass einem dabei half. Die gab es hier zur Genüge. Zuhause hatte er nie Drogen genommen. Zum einen weil sie illegal waren und zum anderen fand er es reichlich bescheuert, so verschwenderisch mit seinem Körper und seinem Geist umzugehen.
Aber hier, hier draußen, mitten im Nirgendwo, ein diesem beschissenen Ort, da kümmerte sich niemand um diese Scheiß Gesetze. Dieser gottverfluchte Ort, an dem es weder Sinn und schon gar keine Moral gab, da gehörten Drogen zur Standardausrüstung eines jeden Soldaten. Selbst die Offiziere schnieften, rauchten und fixten wie die Wahnsinnigen.
Schlafen! Er wollte doch nur schlafen. Er war doch nur kurz eingenickt in seinem Loch. Vor drei Tagen. Er sollte auf Wache sein, aber er war wohl kurz weggedöst und als er erwachte, war keiner da. Keiner seiner Kameraden, Niemand aus seiner Einheit, und schon gar keine verdammte Armee, war noch in seiner Nähe. Er wusste nicht, was passiert war, aber sie hatten ihn einfach zurück gelassen. Vergessen in seinem kleinen, dreckigen und rattenverseuchten Loch. Und seitdem war er wach. Keine Sekunde lang hatte er seine müden und entzündeten Augen geschlossen.
Die Leute, für die er die Freiheit verteidigte, konnten bestimmt schlafen. Sie lagen ja auch tausende von Kilometern entfernt in ihren Betten, bei ihren Familien und schliefen den Schlaf der Gerechten. Pah. Tagsüber unterzeichneten sie Marschbefehle, diskutierten Offensiven und schätzten und wägten Verluste ab. Danach gingen sie nach Hause, umarmten ihre Frau, gaben ihren Kindern einen Kuss und lasen ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Mit irgendeiner verkackten Moral am Ende, in der es darum ging, den anderen zu respektieren oder so ein Scheiß. Und dann gingen auch sie schlafen, bis sie am nächsten Morgen erneut auf ihren breiten Politikerärschen sitzend über das Schicksal tausender und abertausender Menschen entschieden, die sie nicht kannten und auch gar nicht kennen lernen wollten. Und die sie noch nicht einmal interessierten.
Ob seine Feinde schlafen konnten? Ob sie einen besseren Schlaf hatten als er? Immerhin war er in ihrem Land. In dem Land, das sie lediglich verteidigten, so wie er die Freiheit verteidigte. Sie wollten wahrscheinlich nur ihre eigenen Familien beschützen, ihre Mütter, Frauen und Kinder. So wie er seine verteidigen würde, wenn er beis einer Familie wäre und nicht gerade am absoluten Arsch der Welt sitzen würde, mitten in einem Wahnsinn, einem fiebrigen Abbild der Hölle.
Ob man in der Hölle wohl schlafen könnte? Schlimmer als jetzt könnte es wohl nicht sein. Nein, bestimmt nicht. Gewiss hatte der Teufel nicht so viel Fantasie, was man einem Menschen antun konnte, wie das, was er hier erlebte und erlebt hatte.
Er musste hier raus. Er musste hier weg. Irgendwie! Er spürte dass er nicht mehr lange gegen diese lähmende Müdigkeit ankämpfen konnte. Und was dann? Was wäre das nächste mal passiert wenn er wieder aufwachen würde? Würde er überhaupt wieder aufwachen?
Mittlerweile war ihm das fast egal. Was hatte er zu verlieren? Die Freiheit? Genau, die Freiheit, einem unsinnigen Befehl zu gehorchen. Die Freiheit, Menschen zu töten, die er noch nie gesehen hatte. Die er meist nie zu Gesicht bekommen hatte. Die Freiheit, noch nicht einmal zu wissen, warum es diesen Krieg überhaupt gab. Und die Freiheit, seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, als das eines Soldaten. Die Freiheit, überhaupt eine friedliche Welt zu erleben. Denn diese Freiheit wurde von Menschen gemacht, die nicht einmal wussten, was Freiheit bedeutete; die Freiheit mit Geld und Macht verwechselten. Die allem und jedem ihr ganz persönliches Bild von Freiheit aufdrücken wollten. Sei frei oder stirb. Ja genau, sei frei oder stirb.
Resigniert ließ er den Kopf hängen. Die Augenlider wurden mit einem mal unerträglich schwer. Er glaubte ein Geräusch zu hören. Dumpf und weit weg. Müde sah er über den verkrusteten Rand seiner kleinen Grube, konnte aber in keiner Richtung etwas sehen, es war zu finster. Aber er hörte ein Geräusch. Er hörte doch deutlich ein Pfeifen. Ein hoher und schriller Ton. Er kannte diesen Ton. Hatte ihn Dutzende male gehört in seinem Leben. Er verband etwas damit. Etwas, das ihn unvermittelt lächeln ließ. Er lächelte und dann lachte er. Er lachte all seine Müdigkeit hinaus, warf den Kopf in den Nacken und lachte so laut er konnte. Auch das Pfeifen wurde immer lauter - und eindringlicher. Dann schloss er genießerisch die Augen, den Kopf weiterhin im Nacken. Endlich kann ich schlafen, endlich habe ich meine Ruhe, meine Freiheit, die ich keinem anderen mehr nehmen muss.
Dann schlug die Granate ein.

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